No Way Is My Way: Ein Jahr in der Wildnis
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Ein Jahr in der Wildnis

Donnerstag, 30. August 2007

Der Wettergott ist mit mir

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Furchtbar fährt Thor daher, rollend, donnernd, über den Wolken auf seinem Wagen gezogen .
Und bringt mir Regen und Gewitter damit ich mich wieder in meine Donau-Auen begeben kann.Obwohl für manche diese Unwetter nicht wohlgesonnen sind.Aber so ist das Leben
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Freitag, 23. Februar 2007

Teil XXVIII

Back in town
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Samstag: TV total Die TV-Fernbedienung funktioniert nicht so recht. Bei 60 Kanälen nervt das ein bisschen. Aber von »0 auf 60« ist eh ziemlich verwirrend, wie überhaupt das Hotel: In der Badewanne kommt fließendes, warmes Wasser aus einem Hahn, auf dem Klo darf man nicht vergessen, die Spülung zu drücken, aus dem Blechkasten unter dem Fenster strömt warme Luft, ohne dass man irgendwo Feuer machen muss, auf dem Schrank steht eine
Maschine, aus der fertiger Kaffee in eine Kanne tropft, und in der Hotelbar brachte mir die
Bedienung eine kühles, gelbliches und wohlschmeckendes Getränk (Chilkoot Lager), das mir nach der zweiten Flasche wohltuend zu Kopfe stieg. Dienstag: Ab in den Süden
Seit vier Tagen sind wir nun wieder zurück in der Zivilisation, und morgen geht es bereits per
Bus Richtung Süden nach Seattle. Doch trotzt aller Freude über die Rückkehr, trotzt dem ungewohnten Komfort im Hotel, trotzt den ersten Telefonaten mit der Famile und die Vorfreude auf ein Wiedersehen: Wir vermissen den Busch bereits etwas: unsere gemütliche
Hütte, der vertraute Fluss, die beruhigenden Berge, das einfache, aber intensive Leben.
Nicht, dass wir uns solch ein Busch-Leben in abgelegener Wildnis aus Dauer vorstellen können, aber ich bin sicher, dass wir uns in Zukunft oft sagen werden:
»Ach, wären wir jetzt nur in unserer Hütte im Yukon …«

ENDE
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Donnerstag, 22. Februar 2007

Teil XXVII

Der Abschied naht...
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Draußen ist es warm, windig und es schneit ohne Ende. Den ganzen Winter hat es nicht so viel am Stück geschneit wie die letzten Tage: gut einen halben Meter. Überhaupt spielt das Wetter seit Anfang Februar verrückt: entweder frühlingshaft warm oder arktisch kalt, minus 5 Grad oder minus 40 Grad, starker Schneefall oder strahlender Sonnenschein – aber selten etwas dazwischen. Uns gefällt das jetzige Schmuddelwetter, vor allem so kurz vor unserer Abreise aus dem Busch, überhaupt nicht. Nicht nur, dass uns der Schneefall täglich auf die Landebahn zwingt, um diese zum x-ten Mal zu präparieren, nein: Bei diesem Wetter kann gar kein Flugzeug landen, geschweige denn starten. Immerhin haben wir noch etwas Luft bis zur Abreise: Gerd von »Alpine Aviation« hat angekündigt, uns zwischen dem 5. und 10. März
abzuholen.
Montag: bestes Flugwetter Über Funk haben wir von Don Taylors »Bush-Talk« erfahren,
dass sich das Wetter in der Nacht zum Mittwoch schlagartig ändern soll: sonnig und kalt lautet die Vorhersage. Das würde bestes Flugwetter bedeuten. Von Gerd haben wir eine E-Mail erhalten: »Komme wahrscheinlich am Freitag oder Samstag zwischen 10.30 Uhr und 11 Uhr.« Derweil haben wir die letzten Vorbereitungen getroffen: Das provisorische Dach des Outhouses ist abgedeckt, die restlichen Lebensmittel in Kisten verstaut und diese beschriftet, das Camp aufgeräumt, der ganze Müll entsorgt und unser Gepäck geordnet und aussortiert. Alles nicht unbedingt Notwendige haben wir verbrannt (zum Beispiel alte Unterhosen) oder lassen es in der Cabin zurück (die meisten Bücher, Seile, Werkzeug, etc.)

Donnerstag: E-Mail-Wirrwarr Ein langer Tag geht zu Ende: Die Taschen und Rucksäcke sind
gepackt, die Hütte geputzt und ausgefegt. Wie vorhergesagt, ist es seit gestern sonnig, aber kalt: minus 35 Grad draußen, in der Hütte wegen fehlender Dachisolation kaum über dem
Gefrierpunkt. Doch Gerd hat sich nicht gemeldet. Kommt er nun oder kommt er nicht?

Freitag: Frostiges Forkscamp Die Nacht war Frisch: Die Indoor-Temperatur nähert sich jener outdoors: minus 38 Grad. Und den Ofen machen wir aus Sicherheitsgründen heute morgen nicht mehr an. Ich werfe mir die Daunenjacke über, starte den MSR-Kocher und wärme den Psion-Organizer sowie den Akku des Satellitenhandys am Körper auf. Um 8.30 Uhr checken wir E-Mails, aber trotz der einstündigen Aufwärmphase streikt das Display des Psion. Eine weitere halbe Stunde später starten wir einen neuen Versuch. Es klappt: Mit Ach und Krach können wir Gerds E-Mail lesen: »Ich komme morgen. Es soll windig sein, aber sonst ganz gut. See you.« Die E-Mail ist auf heute morgen 6.37 Uhr datiert (also kommt er morgen am Samstag), klingt aber so als hätte er sie gestern abend geschrieben (also kommt er in ein
paar Stunden). Was nun? Wir sind verwirrt, gehen aber auf Nummer sicher und präparieren
alles für den heutigen Abflug. Um 10.30 Uhr schleppen wir die ersten Gepäckstücke hoch auf die Landebahn und warten dort. Das Wetter ist bestens: Kaum Wind und sonnig. Aber kein Gerd. Wir warten. 11.00 Uhr, 11.15 Uhr, 11.30 Uhr. Nichts zu hören, geschweige denn zu sehen. Na ja, dann kommt er wohl erst morgen. Enttäuscht gehen wir wieder zur Cabin hinunter und machen Feuer. Es ist immer noch kalt, minus 35 Grad. Kaum haben wir uns etwas aufgewärmt und uns mit einem weiteren Tag im Forks-camp abgefunden, hören wir ein Brummen. Ein Flugzeug. Wir rennen hinaus und sehen gerade noch die rote Bush Hawk über das Camp fliegen. Also kommt er doch! Während sich Michelle um den Ofen kümmert, renne ich hoch zur Landebahn und erreiche sie gerade, als Gerd seine Maschine sicher aufsetzt. Freundlich winkend fährt er an mir vorbei, um das Flugzeug am Wendekreis am südlichen Ende der Landebahn umzudrehen. Doch als er dort ankommt, staubt und dröhnt es gewaltig; ich kann kaum noch etwas erkennen. Dann geht der Motor aus. Als sich der Schneestaub verzogen hat, sehe ich, dass das Flugzeug mit dem rechten Ski in den tiefen
Schnee geraten ist und nun feststeckt, Oh weh! Gerd steigt aus und begrüßt mich kurz, wendet sich dann aber sogleich dem Missgeschick zu. »Wir müssen nur das Flugzeug hinten anheben und ein paar Meter verschieben. Dann gebe ich Gas und hoffe, dass die Ski die feste Unterlage erreichen.« Na gut. Zu meinem Erstaunen können wir das Heck zu zweit anheben, bekommen es in dem tiefen Schnee aber nur in kleinen Schritten um die Kurve.
Dann versucht Gerd einen Start, doch der rechte Ski gräbt sich nur noch weiter ein. Er steigt aus und wir wiederholen die Prozedur. Beim zweiten Versuch jagt er den Motor auf Höchsttouren, es staubt und bläst und dröhnt, und ganz langsam bewegt sich die Maschine vorwärts. Gerd lässt nicht nach , das Flugzeug wackelt, noch einen halben Meter, schließlich
erreichen die Ski tatsächlich festen Grund. Dann dreht er die Maschine in Startrichtung, schaltet den Motor ab und packt den Propeller in eine warme Decke. Ob wir von dieser Landebahn wegkommen? Gerd beruhigt mich sogleich: »Ich habe noch nie einen mit Schneeschuhen so gut präparierten Airstrip gesehen.« Na immerhin! Aber die Ungewissheit, ob wir mit all unserem Gepäck starten können, bleibt. »Das wird sehr knapp.« Das wussten wir allerdings schon vorher und haben uns die (teure) Hintertür aufgehalten, notfalls in zwei Ladungen nach Faro zu fliegen (das liegt auf halbem Weg nach Whitehorse) und von
der dortigen, professionell angelegten Landebahn in einem Rutsch den weiteren
Rückflug anzutreten. Doch dieser Ausweg ist uns nun versperrt: »Die Spritpumpe in Faro ist kaputt«Heute vor dem Start hatte er dort angerufen und es war alles klar, doch als er über Faro hinwegflog und Funkkontakt aufnahm, hieß es, dass die Pumpe defekt sei. Aber ohne Sprit aus Faro ist auch kein Shuttle möglich. Die Alternative wäre teuer: Zwei Mal Whitehorse hin und zurück, und jeder Flug kostet zirka 1800 Dollar. Also schinden wir noch einmal Gewicht, holen weitere Bücher aus den Taschen, und auch die teuren, aber extreme schweren Ersatzbatterien für das Funkgerät lassen wir im camp zurück. Eine Stunde später ist alles erledigt: Die Hütte ist vernagelt, das Gepäck verladen, und wir beide haben auch irgendwie Platz in der kleinen Maschine gefunden. ,Gerd will einen Start mit kompletter Ladung versuchen. Er muss mindestens 45 bis 60 Meilen pro Stunde schnell sein, um abheben zu können. Das Problem: das Flugzeug hat keine Bremse. »Nach der Hälfte des Airstrips werden wir wissen, ob es geht. Es wird auf jeden Fall verdammt knapp.« Der Motor ist mittlerweile warm gelaufen, und dann geht es auch schon los. Gerd gibt Gas, und das Flugzeug setzt sich langsam in Bewegung. Ein Drittel der Landebahn haben wir bereits hinter uns. Ich schiele auf den Tacho, doch die Nadel bewegt sich kaum, Nach der Hälfte macht Gerd keine Anstalten anzuhalten. Noch 200 Meter, noch 100 Meter, der nördliche
Wendekreis und damit das Ende der Landebahn liegt bereits vor uns – und dann plötzlich unter uns. Wir haben abgehoben! »Wenn ich knapp sage, dann meine ich auch knapp«, lächelt mir Gerd zu. Wir drehen eine Schleife über unser Zuhause, dann geht es gerade aus gen Süden. Der Flug bei sonnigem, klarem Wetter ist traumhaft. Ein Meer von Bergen, Flusstälern und Seen breitet sich unter uns aus: tausend Ecken, die wir am liebsten sofort erkunden möchten. Gerd zeigt uns die Camps von anderen Buschleuten und erzählt Geschichten von Trappern, Jägern und Piloten. Dazwischen schweigen wir einfach, lassen unsere Blicke über diese wunderschöne Landschaft schweifen und sind ganz benommen und verzaubert. Zwei Stunden später landen wir in Whitehorse.
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Mittwoch, 21. Februar 2007

Teil XXVI

Frust im forkscamp/Das letzte Mal ...
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Es hätte so schön weiter gehen können nach dem zwar frostigen, aber wunderbaren Januar mit viel Sonnenschein und zauberhaften Nordlichtern; dazu eine spannende, mehrtägige Wanderung den Rogue River stromaufwärts. Wieder zurück im camp genossen wir
zunächst den Luxus unserer Hütte in vollen Zügen: das wohltuende Bad, der bullernde Ofen, das gemütliche Bett. Doch dann zog es uns wieder raus: Wir wollten neue Ecken erkundschaften, den Fluss im Norden hoch wandern, die Berge im Süden erklimmen, vor
Sonnenaufgang aufstehen und bis abends unterwegs sein. Und was ist passiert? Wir haben das camp seither kaum verlassen und bekamen den "cabin blues" - jene melancholische, leicht depressive Stimmung, hervorgerufen durch die monatelange Abgeschiedenheit und die Monotonie des Buschalltags. Verantwortlich dafür war - natürlich - das Wetter. Tag um Tag
wurde es wärmer und wolkiger, zum Schluss auch noch windig. Das ganze Land versank in einem grauen Einerlei, und dazu schneite es fast täglich. So richtiges Schmuddelwetter, das unsere Motivation für Wanderungen und Entdeckungs-Touren auf den Nullpunkt sinken ließ.
Letzte Woche schrammten wir sogar an Tauwetter vorbei, aber bei minus zwei Grad blieb das
Thermometer dann stehen. Das reichte allerdings, um Wasser in die cabin sickern zu lassen. Wir stopften die lecken Stellen mit Tüchern und mussten diese zuletzt stündlich auswringen. Das Problem: Unter den Grasfladen, die das Dach bedecken, lief geschmolzener Schnee hinunter, staute sich am Übergang zum (gefrorenen) Dach-Überhang und suchte sich an den Überlappungen der Dachbleche den Weg in die gute Stube. Bei dem strengen Frost die Wochen zuvor war das kein Problem, aber durch dieses frühlingshafte Wetter sabberte es munter die Innenwände runter. Am Sonntag hatten wir die Schnauze
voll und deckten auf beiden Seiten die untere Dachhälfte ab. Eine beschissene Arbeit, die wir allerdings eh in den nächsten Wochen bis zu unserer Abreise hätten machen müssen. Die jeweils untere Reihe, die leicht über die Hüttenwand hinaus ragte, war komplett vereist und ließ sich nur unter viel Stemmen, Heben und vor allem Fluchen lösen. Irgendwann lagen dann alle Fladen unten - und mussten noch in den Wald gebracht werden, Stück für Stück. Und der Effekt dieser Plackerei? Die Wände blieben nun trocken, dafür tropfte es an einigen anderen Stellen hinein. Was soll's: Unsere Tage im Busch sind eh gezählt, und wir spüren auch, dass die Luft langsam draußen ist. Die letzten Monate haben wir viel erlebt draußen in der Wildnis, aber auch das ruhige cabin-Leben genossen; und dabei war uns so gut wie nie langweilig. Selbst in den dunklen Wochen, als die Tage um 15.00 zur Neige gingen, fühlten wir uns wohl und spürten eine innere Ruhe wie selten zuvor. Doch das ist vorbei: Die Tage
enden erst um 18.00, die Bücher sind ausgelesen (manche schon zum zweiten Mal), und die innere Ruhe mag nicht wiederkehren. Wir brauchen wohl einfach frischen Input: andere Menschen, neue Erlebnisse, Aufgaben und Herausforderungen. Letzten Samstag hatte das
Schmuddelwetter ein Ende. Um 10.00 blinzelte die Sonne in die cabin; wir stopften ein paar Müsliriegel und eine Kanne Tee in den Rucksack und machten uns auf Richtung Süden. Die zwei Wochen zuvor hatte es so viel geschneit, dass wir trotz Schneeschuhen teilweise bis zur Hüfte einsanken. Jeder Schritt wurde zum Kraftakt, aber unsere gute Laune ließen wir uns dadurch nicht verderben. Es war die reinste Freude, der so lange vermissten Sonne entgegen zu laufen, die klare Luft zu spüren, die strahlend weißen Berge zu sehen, zu schnaufen und zu schwitzen. Bis zum späten Nachmittag wühlten wir uns so durch die Schneemassen. Zurück in der cabin tranken wir Kaffee und aßen Muffins; und gerade als
sich die Dunkelheit übers forkscamp legte, lugte zwischen den Fichten der von uns so geliebte Vollmond durch. Und so ließ der Frust der letzten Wochen etwas nach, dafür zog der Frost wieder an: Innerhalb von drei Tagen rasselten die Temperaturen auf minus 40 Grad runter. Immerhin: Das Dach ist nun wieder tief gefroren und damit garantiert wasserdicht

... aus dem Busch eine E-Mail senden.

Dies ist wahrscheinlich unsere letzte E-Mail aus dem Busch. Sofern alles klappt, wird uns Gerd von "Alpine Aviation" nächste Woche hier rausholen. Seit fast acht Monaten mailen wir in der Regel ein Mal die Woche Neuigkeiten aus der Wildnis des Yukon. Trotz teilweise schlechtem Empfang und vor allem Schwierigkeiten bei extremer Kälte hat die Technik über all die Zeit erstaunlich gut funktioniert. Die nächste E-Mail kommt dann aus der Zivilisation - dem Internet-Café in Whitehorse.

... die Gegend erkunden.

In den nächsten Tagen werden wir noch ein Mal alle unsere geliebten Trails ablaufen: den Rogue River stromabwärts bis zum Zusammenfluss mit dem Marmot Creek, zur
Hügellandschaft im Süden, sowie die schöne Runde den Rogue River River stromaufwärts, dann "links" dem kleinen Bach folgen und über die Hochebene zurück. Durch den vielen Schnee, der in den ersten zwei Februar-Wochen fiel, sind allerdings selbst diese, von uns
immer wieder platt getretenen Trails, mittlerweile extrem "schwergängig".

... Käse- und Eipulver essen.

Während wir das Eipulver schnell zu schätzen wussten, taten wir uns mit den 20 Kilogramm Käsepulver lange schwer. Immerhin: Mit Öl vermischt und gut erhitzt konnten wir aus dem rötlichen Cheddar-Pulver ganz ordentliche Käsenudeln zaubern. Trotzdem wird einiges davon übrig bleiben, ebenso wie viele andere Lebensmittel - die nächsten Besucher im forkscamp wird es freuen. Gut kalkuliert haben wir dafür unsere 1 Liter- Rumflasche: Mit Ach und
Krach haben wir sie letzte Woche geleert.

... der Kälte trotzen.

Der Winter will sich von uns wohl gebührend verabschieden: Seit über einer Woche schwanken die Temperaturen zwischen minus 35 und minus 40 Grad. Nachts kühlt
die Hütte, auch bedingt durch das mittlerweile wieder "nackte" Metalldach, auf unter minus 20
Grad ab.

... "airstrippen"

Die Landebahn ist fertig - sofern es die nächsten Tage nicht wieder schneien sollte. 550 Meter ist sie nun lang und einigermaßen eben. Die letzte Woche waren wir fleißig am platt treten, jetzt können wir nur hoffen, dass Gerd sie ebenso gut findet wie wir und nicht wieder abdreht.

... Holz sägen und hacken.

Das ist nun schon ein paar Wochen her, denn mittlerweile verheizen wir die Reserven: In der
Hütte hatten wir immer ausreichend Holz für mindestens zwei Wochen gestapelt, außerdem
liegen noch genug gehackte Holzscheite rund um die Hütte. Hier könnte glatt noch ein Mal jemand überwintern ohne einen einzigen Baum fällen zu müssen.

... Klammotten per Hand waschen.

Gestern haben wir Socken gewaschen. Alles andere muss warten bis zum Waschsalon in Whitehorse. Dort werden wir wohl ein paar Maschinen-Ladungen brauchen, um den Dreck aus acht Monaten heraus zu bekommen - denn sauber wurden die Klamotten hier nie
richtig. Selbst nach mehreren "Spülgängen" mit klarem Wasser hinterließ der Waschbottich eine dunkelbraune, fast schwarze Brühe.

... alte Zeitungen lesen.

Wir lesen immer noch die Tageszeitungen, die unsere Besucher letzten August und September mitgebracht hatten! Doch wenn man morgens etwas verträumt und schläfrig mit einer Tasse Kaffee in der Hand vor dem Ofen sitzt und wartet, bis die Bude warm wird,
dann taugen "Süddeutsche" und "Bild" immer noch als Lektüre. Bei der großen Müllverbrennung, die diese Tage ansteht, sind sie dann aber fällig, denn die nächsten
Besucher werden kaum eine deutsche Tageszeitung von letztem Jahr lesen wollen.

Das erste Mal ...

... seit acht Monaten duschen, in einem richtigen Bett schlafen, uns im Restaurant bedienen lassen und stundenlang fernsehen: das werden wir in ein paar Tagen im Hotel in Whitehorse tun. Die erste Vorbereitung für das Leben in der Zivilisation habe ich bereits hinter mir: der Bart ist ab. Seit Oktober wucherte er; nur ein Mal, Anfang des Jahres, hat ihn Michelle an der
Oberlippe gestutzt, da er bei der Nahrungsmittelzunahme (vor allem Suppen) ständig mit
eintauchte. Und die zentimeterlangen Eiszapfen, die sich beim Wandern in der Kälte bildeten, waren auch nicht sehr appetitlich. Letzte Woche haben wir ihn dann abrasiert. Und da wir schon dabei waren, hat mir Michelle (mit der Schere des Schweizer Messers) auch noch gleich einen Kurzhaarschnitt verpasst. Auf solche Weise meiner Kopfisolation beraubt,
wurden die minus 40 Grad draußen noch eine Spur ungemütlicher. Aber für den anstehenden Frühling in Kalifornien wird diese Frisur gerade richtig sein ...
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Dienstag, 20. Februar 2007

Teil XXV

Tour am Rogue River hinauf.
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»Ich glaube, ich bin doch eher der Sommer-Typ«, höre ich Michelle neben mir etwas missmutig murmeln. »Ist es nicht schön, wenn man den ganzen Tag in Shorts und
T-Shirt rumlaufen kann?« Doch ihr Wunschtraum ist gerade weit entfernt: Es ist tiefster Winter im Yukon. Wir liegen im Zelt bei minus 30 Grad, gefrorene Kondensfeuchtigkeit rieselt vom
Dach des Innenzeltes auf unsere Gesichter, die Ränder der Schlafsack-Kapuzen sind vereist, und wir müssen endlich aufstehen, damit wir unser Tagesziel noch erreichen. Gestern früh um 9.30 Uhr sind wir aufgebrochen, nachdem der strenge Frost von letzter Woche mit
Temperaturen bis minus 40 Grad etwas nachgelassen hat. Unsere Wanderung sollte uns den Rogue River stromaufwärts führen bis zu einem großen See, an dessen Ufer ein Camp von Fritz, unserem Vermieter von »Rogue River Outfitters«, liegt. Nach zweihundert Metern auf dem Fluss wird uns bewusst, dass die Tour enorm anstrengend wird. Der Schnee liegt mittlerweile auch auf dem Rogue so hoch, dass angesichts der schweren
Rucksäcke jeder Schritt zum Kraftakt wird. Damit ist auch klar, dass wir den gleichen Weg zurück gehen werden, auf unseren eigenen, dann festen Spuren. Dabei haben wir im Vorfeld der Tour noch überlegt, für den Rückweg vom See die direkte Route quer durch den Busch zu nehmen. Doch unzählige Hügel hoch und wieder runter laufen, durch noch tieferen Schnee, mit Schneeschuhen, die sich ständig in Ästen verfangen: Das können wir glatt vergessen; genauso wie der ursprüngliche Plan einer noch längeren Wanderung mit dann noch schwereren Rucksäcken. Derweil träumen wir von vergangenen Wintertouren in Lappland, wo wir entspannt mit Ski und Pulka über windgepackten Schnee gleiten konnten. Bei diesem trockenen Pulverschnee in den Wäldern Kanadas kann davon keine Rede sein, zumal es hier in unserer Gegend so gut wie nie windet. Doch zunächst sind wir unterwegs auf bekannten Wegen .Allerdings sind sie schon mit ein paar Zentimetern Schnee
bedeckt, so dass wir keine Krallen sehen. Uns wird etwas mulmig angesichts der Vorstellung, dass einer der Jungs Schlafstörungen haben könnte und in solcher Nähe
unseres Camps umherstreift. Aber der letzte Schnee, der wohl auch diese Spuren bedeckt hat, fiel vor zirka zehngen. Falls es ein Bär war, hoffen wir mal, dass er sich wieder in sein Bett verkrochen hat ... Die Route den Rogue River hinauf führt uns anfangs nach Osten,
bevor der Fluss nach Südosten und später nach Süden abdriftet. So anstrengend das Wandern auch ist, so wunderschön ist es auch. In jeder Flusskurve schielen wir um
die Ecke, was uns erwartet: eine kleine Insel, eine neue Sicht auf die Berge, Tierspuren, Eisschollen, usw. Dabei hören wir den Fluss unter uns oft fließen; gurgelnd, plätschernd oder dröhnend hohl und prompt gibt das Eis unter mir nach und ich breche durch. Bis zur Hüfte stehe ich im Fluss, allerdings trockenen Fußes, da ich nur auf die nächste Eis-Etage gekracht bin. Einen gehörigen Schreck bekam ich trotzdem. Und so suchen wir noch vorsichtiger unsere Spur, mal links am Ufer, mal rechts, mal mitten durch; dabei immer mit einem Stock das Eis abklopfend und auf seinen Klang horchend. Alle 45 Minuten brauchen wir eine Pause, trinken Tee und stopfen Trail-Mix (Studentenfutter) und Schokolade in uns
rein. Um 16.30 sind wir am Ende unsere Kräfte. Gerade als der Rogue das enge Flusstal mit seinen dicht bewaldeten Ufern verlässt, bauen wir an einer offenen Stelle das Zelt auf, sammeln Brennholz .aer sonnigem Winterwetter auf. Kaum haben wir das Camp verlassen, ändert sich die Landschaft: Die Wälder liegen hinter uns, jetzt dominiert karge Tundra mit
Büschen und Gestrüpp die Landschaft. Es eröffnen sich ganz neue Blicke, weit zu den Bergketten im Osten und Süden. Wir genießen die Aussicht, den glitzernden Schnee, die Ruhe und den Frieden, die das Land ausstrahlen. Plötzlich schreit Michelles hinter
mir: »Wasser!«. Ich schaue zurück: In meinen tiefen Spuren sammelt sich tatsächlich Wasser. Mist, wahrscheinlich »Overflow«, das heißt Wasser, dass unter dem Druck des zunehmenden Eises durch die Eisdecke nach oben durchbricht, sich dort unter dem
Schnee sammelt und durch dessen isolierende Wirkung nicht gefriert. Zum Glück liefen wir gerade nahe am Ufer, so dass wir gleich auf höheres Gelände ausweichen können. Doch der weitere Weg sieht nicht gut aus: Entweder wir bleiben auf der sicheren Seite und laufen einen riesigen Umweg, da der Rogue zunächst nach Norden abdriftet, oder wir schauen, dass wir irgendwie auf die andere Seite kommen und diese Fluss-Schleife durch eine Busch-Wanderung abkürzen. Wir entscheiden uns für letzteres: Der Fluss ist zwar sehr breit an dieser Stelle, aber übersät mit kleinen Inseln, und genau die steuern wir an. Am Anfang geht es noch gut und wir gelangen über festes Eis bis zur zweiten Insel. Doch dann beginnt der Schlamassel und wir tappen wieder durch Overflow. Ruck, zuck gefriert das Wasser an den Schneeschuhen und lässt diese schwer wie Blei werden. Nach jeder Bade-Runde
entfernen wir die gröbsten Eisstücke.Schnell überwinden wir die letzte kritische Stelle und
erreichen das andere Ufer. Beim Blick zurück erspähen wir tatsächlich gelblich schimmernde Flecken im Eis. Na ja, fürs Erste haben wir es geschafft. Weiter geht es durch sicheren, aber beschwerlichen Busch, bis wir nach zwei Stunden wieder auf den Rogue River treffen: überall dunkle Stellen unter dem Schnee, die auch hier offenes Wasser vermuten lassen. Und der
Busch am Ufer ist mannshoch und ebenfalls an vielen Senken überflutet. Nichts wie raus hier! Wir weichen auf die höher gelegenen Hügel aus. Jeder Höhenmeter, den wir zurück legen, geht in die müden Oberschenkel. Und eigentlich wollen wir ja auch nicht ganz bis zum Seeufer, sondern nur einen schönen Platz finden, der uns einen Blick auf den ganzen
Talkessel erlaubt. Doch die Hügel sind tückisch: Kaum denkt man, hinter dem nächsten müsste man den See erblicken, kommt wieder eine Senke und hinauf geht es zum nächsten Hügel. Mein Akku ist mittlerweile ziemlich leer, und einen Zipfel vom See können wir bereits sehen. »Warum bleiben wir nicht einfach hier?« Doch Michelle will den ganzen See sehen - das sei ja schließlich das Ziel unserer Wanderung - und spurt jetzt vorneweg. Und dann, als ich es schon nicht mehr zu hoffen wagte, haben wir es geschafft: Der See liegt vor uns, eingebettet in eine grandiose Bergkulisse. Ein Mix aus offenem Busch, sanft rollenden
Hügeln, schroffen Felsen und lichten Nadelwäldern - Kanada aus dem Bilderbuch. Wir schlagen unser Camp auf dem baumlosen Hügel auf, verzichten dadurch zwar auf ein wärmendes Lagerfeuer, werden dafür aber mit einer grandiosen Aussicht entschädigt.
Leider können wir diese nicht lange genießen, denn es ist spät, die Dunkelheit bricht herein. Und der nächste Morgen präsentiert sich grau in grau mit leichtem Schneefall. Das südlich gelegene Bergmassiv können wir nur noch schemenhaft erkennen. Wir packen unsere Sachen, bauen das Zelt ab und wollen uns noch kurz das Camp am See ansehen, das wir von der Anhöhe bereits erspäht haben. Weit kommen wir nicht, da bricht das Gelenk von
Michelles linkem Schneeschuh. Die Schneeschuhe waren alt, und just jenes Gelenk haben wir vor vielen Jahren auf einer Wintertour in Finnland schon reparieren müssen. Wir schauen uns noch kurz das Camp an - eine idyllischere Lage kann man sich gar nicht vorstellen - laufen dann aber zügig zurück zu unseren bereits gepackten Rucksäcken, um den schnschuh zu reparieren. Das geht dann einfacher als gedacht: Der Durchmesser des Zeltgestänges
passt wie maßgeschneidert, um das Gelenk zu schienen. Mit dem Tool sägen wir ein assendes Stück aus dem Ersatzsegment und stecken es in die Führung der
Schneeschuh-Bindung. Dann müssen wir nur noch die beiden Enden des gebrochenen Gelenks reinpfriemeln. Und so viel vorweg: Zumindest bis nach Hause im Forkscamp sollte diese Konstruktion funktionieren und vor allem halten. Schon die ersten Meter auf dem
Rückweg sind die reinste Freude, da wir auf den festen Spuren des Vortages laufen können. Was für eine Erleichterung! Normalerweise ist es ja viel schöner, einen Rundweg zu unternehmen und somit neues Terrain zu erkunden, anstatt die gleiche Strecke zurück zu laufen, aber mit unseren dicken Säcken auf dem Rücken sind wir heilfroh, einer festen Spur folgen u können. Ziemlich schnell erreichen wir die schwefelhaltigen Quellen und versuchen den gleichen Weg über das Eis zurück zu gehen eingebrochen sind wir ja auf dem
Hinweg zumindest nicht. Doch der Pegel ist gestiegen. Teilweise steht nun der halbe Schuh im Wasser. Immerhin scheint das darunter liegende Eis stabil zu sein. Mit etwas mulmigen Gefühl und kräftigem Stockeinsatz schlurfen wir so eicht wie möglich übers Eis. Den
letzten Teil dieser heiklen Strecke können wir vermeiden und kürzen durch den Busch ab. Ein kurzes, anstrengendes Stück durch hügeliges, unverspurtes Gelände, dann hat uns der (fest) gefrorene Fluss wieder. Es ist spät geworden durch all die Verzögerungen. Wir quälen uns
einen letzten Hügel hinauf, der eine wunderbare Aussicht verspricht. Da das Kocher-Benzin
nicht mehr für Abendessen und Frühstück reichen würde, steigen wir noch mal ab und sammeln Brennholz. Der Abend wird angenehm, am Lagerfeuer und bei lauen minus 15 Grad. Der nächste Tag bringt Schneefall wieder nichts mit toller Aussicht und Panorama-Fotos. Wir wollen nach Hause. Und wir laufen schnell, in dem Irrglauben, auf dem gespurten Trail seien wir im Nu zurück. Doch eine Windung folgt der anderen, kaum zu glauben, dass wir all diese Schleifen frohen Mutes gewandert sind. Ich möchte gar nicht wissen, was für
einen Umweg wir für die zirka 15 bis 20 Kilometer Luftlinie von unserem Camp zu dem See zurück gelegt haben. Am Nachmittag erreichen wir erschöpft unser Camp. Michelle hat aufgeweichte, brennende Füße, ich habe mir einen Wolf gelaufen. Wir heizen die Cabin
ein, entfernen eine weitere Maus aus der zugeschnappten Falle, kochen Wasser ab, essen einen Nudeltopf und fallen um 20 Uhr hundemüde ins Bett. Am nächsten Morgen ist Sonntag, genau der richtige Tag zum Faulenzen und zum Träumen - zum Beispiel vom Sommer in Kalifornien, in Shorts und T-Shirt.
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Montag, 19. Februar 2007

Teil XXIV

Auf Eis gelegt
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Bisher hatten wir Glück: Der gefürchtete Yukon-Winter mit wochenlangen Temperaturen
jenseits der minus 40 Grad entpuppte sich bisher als recht mild. Kälter als minus 35 Grad war es bis dato noch nie. Die durchschnittliche Temperatur im Dezember lag bei bescheidenen minus 15 Grad. Doch vor acht Tagen hat sich das Blatt gewendet: Seither ist es nicht mehr wärmer geworden als jene minus 35 Grad. Unsere geplante
Mehrtages-Tour haben wir deswegen erst einmal auf Eis gelegt man muss sich ja nicht gerade die bisher kältesten Zeit des Winters für ein »verlängertes Wochenende« im Zelt aussuchen. Und so warten wir einfach, bis es wieder etwas milder wird. Denn wir
genießen den einmaligen Luxus, »Urlaub« zu machen, wann und wo wir wollen, von einem Tag auf den anderen, ja sogar von einer Stunde auf die andere. Wir haben die Woche genutzt, um ein bisschen an der Landebahn zu werkeln und Tagestouren zu unternehmen - und die waren traumhaft. Denn so frostig-frisch es auch sein mag, so wunderschön ist es auch: der staubtrockene, unter den Füßen knirschende Pulverschnee, die klare Luft mit gigantischer Fernsicht, die tief verschneiten Fichten, die jeden Tag höher stehende Sonne, die
sternenklare Nächte - zwar die meiste Zeit ohne Mond, aber dafür mit wunderschönen Nordlichtern. Endlich! Und nicht so blassgrüne, milchige Schwaden, wie man sie oft sieht, nein: rote und leuchtend grüne Blitze, zuckend und vibrierend, wie Raketen von einer Ecke
des Himmels in die andere schießend. Wir kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Natürlich musste ich sie fotografieren oder ich habe es zumindest versucht. Denn erstens habe ich keine Ahnung, wie lange man Nordlichter belichten muss, zweitens streikte die Kamera nach einer Weile bei minus 40 Grad die LCD-Anzeige fiel aus. Insgesamt steckt die Kamera, eine Canon EOS 3, die Kälte jedoch blendend weg. Die erste Tour führte uns den
Rogue River flussabwärts Richtung Westen. Das Erstaunliche: Zirka 200 Meter nach dem
Zusammenfluss mit einem aus dem Norden kommenden Creek ist der Rogue tatsächlich immer noch offen, scheinbar unbeeindruckt von dem strengen Frost. Das Eis kämpfte sich in den letzten Wochen zwar Zentimeter um Zentimeter vom Ufer heran, doch in der Mitte plätschert der Fluss weiter munter vor sich hin. Verantwortlich dafür ist wohl ein weiteres kleines Bächlein, ebenfalls aus dem Norden kommend, kaum einen Meter breit und 20 Zentimeter tief - aber offen! Da scheint wohl weiter oben eine warme Quelle zu entspringen. Einem kleinen Vogel kam dieses offene Wasser gerade Recht: Genüsslich tauchte er ein ums andere Mal unter, unbeeindruckt von dem Eiszapfen, der sich an seinem Schwanz bildete. Die zweite Tour führte uns gen Süden, immer der Sonne entgegen, quer durch den Busch. Das ist mittlerweile angesichts der beträchtlichen Scheemenge ziemlich beschwerlich, aber so wird es einem wenigstens schnell warm. Das Nervige bei der Anstrengung und der Kälte sind unsere Brillengläser, die durch durch die Atemfeuchtigkeit vereisen. Am schlimmsten ist es mit aufgesetzter Balaclava, die das Gesicht vor Kälte schützt: Ein Teil der warmen, ausgeatmeten Luft steigt unweigerlich innen an der Balaclava nach oben und gefriert sofort auf den Brillengläsern. Michelle läuft dann oft einfach ohne Brille;
bei meiner extremen Kurzsichtigkeit wäre das fatal; ich würde ja kaum nach Hause finden. Unterwegs trafen wir seit langem mal wieder auf frische Elchspuren, und ein völlig zerfledderter, abgenagter Vogel mitten im Schnee, ohne Spuren eines anderen Tieres
um ihn herum, gab uns Rätsel auf. Wurde er von einem anderen Vogel so zugerichtet?
Die dritte Tour führte uns heute, an meinem Geburtstag, den Rogue River aufwärts. Nach zirka zwei Kilometern bogen wir nach links ab, einem Bach folgend. Wie eine kleine Landstraße schlängelt sich dieser Bach nach Norden, links und rechts gesäumt von Büschen und Bäumen, die durch die enorme Schneelast in die Horizontale gezwungen wurden und sich weit auf den Bach hinaus lehnen. Ein paar Kilometer weiter machten wir
eine Teepause, bevor wir uns durch - und über - den durch Schnee platt gedrückten Busch
hinauf zur Hochebene kämpften, dort die letzten Sonnenstrahlen erhaschten und zügig den Heimweg antraten. Denn sobald es schattig wird, schlägt auch der Frost wieder zu.
Erschöpft, aber glücklich nach diesem wunderschönen Tag kamen wir im Forkscamp an und heizten sofort die ausgekühlte Hütte ein. Doch so richtig gemütlich wird sie bei minus 40 Grad draußen nicht mehr, so sehr wir den Ofen auch füttern, bis er vor lauter Flammen
und Glut knistert und stöhnt. Es sieht dann ungefähr so aus: draußen minus 40 Grad, drinnen in Tischhöhe plus 8 bis plus 12 Grad, am Boden minus 8 bis minus 12 Grad. Aber in Daunenhosen eingemummelt fühlen wir uns auch so recht behaglich. Und das Wichtigste: In unserem kuscheligen Hochbett ist es weiterhin urgemütlich und auch die Nacht hindurch schön warm - da kann der Yukon-Winter draußen machen, was er will.
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Sonntag, 18. Februar 2007

Teil XXIII

News-ABC: Sie wollten schon
immer alles über das Leben in
der Wildnis wissen?
A wie Akkus bis Z wie Zukunft.
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Akkus -bereit zum Aufladen
Endlich: Nach langen, tristen Wochen tauchte am 8. Januar die Sonne wieder hinter den Bergen auf. Mit Solarmodul unter den Armen und Akku im Rucksack gingen wir sogleich auf die angrenzende Hochebene und installierten die Geräte. Klar: Die Sonnenstrahlen waren noch schwach, und nach einer Stunde war der Zauber auch schon wieder vorbei, aber ein Anfang ist gemacht. Sobald wir sicher sind, dass der Strom reicht, wird es auch wieder neue Bilder aus dem Busch geben.

Blues - doch noch cabin fever?
Die lange Dunkelheit und das entsprechend ausgedehnte Indoor-Hüttenleben machten uns schließlich doch noch zu schaffen. Michelle nannte es den "cabin blues", eine etwas bedrückte Stimmung, irgendwo zwischen Melancholie, Eintönigkeit und manchmal sogar Langeweile. Doch die wieder aufgetauchte Sonne dürfte nicht nur den Akkus neues Leben einhauchen, sondern auch unseren etwas schwer gewordenen Gemütern.

Canasta - haushohe Führung
Canasta ist neben Backgammon (das wir noch nicht ein Mal gespielt haben, man kommt halt
zu nichts ...) unser einziges Spiel hier. Ich führe -haushoch. Michelle will das nicht verstehen, da es doch "nur ein blödes Glücksspiel" ist.

Dach: Buckelpiste aus Schnee
Unser Metall-Dach hatte uns im Sommer große Sorgen bereitet, da es für den Winter nicht isoliert war. In mühseliger Arbeit haben wir mit dem Spaten Grasfladen ausgestochen und mit diesen das Dach bedeckt. Da somit der Schnee nicht mehr abrutschen kann und die Last entsprechend groß wird, haben wir in der Hütte die Längsbalken an mehreren Stellen abgestützt. Trotzdem haben wir sicherheitshalber schon ein Mal Schnee vom Dach herunter
geschaufelt. Da oben sieht es jetzt lustig aus: Dort, wo die Grasfladen nicht dicht aneinander liegen, ist der Schnee durch die Wärme in der Hütte zum Teil weggeschmolzen. Das ganze Dach sieht jetzt aus wie eine zerrupfte Buckelpiste.

Einsamkeit: Schock bei der Rückkehr?
Seit sieben Monaten sind wir von zu Hause weg, seit sechs Monaten fernab jeglicher Zivilisation, und seit fast vier Monaten haben wir keine anderen Menschen gesehen. Wir sind schon gespannt, wie groß der Schock sein wird, wenn wir aus der Einsamkeit des Busches in die "Metropole" Whitehorse zurück kehren werden.

Frost: wieder da
Die Wärmeperiode von letzter Woche war nur von kurzer Dauer: Am 7. Januar hatte es morgens minus 5 Grad. Bis zum Abend ging es auf minus 20 runter, am nächsten Morgen waren es minus 26. Seither ist es nicht mehr wärmer geworden. .

Gesundheit: (fast) alles im Lot
Bis auf Michelles Biber-Fieber im Herbst waren wir weder krank noch haben wir uns ernsthaft verletzt. Einzig mein Magen-Darm-Trakt spielt ab und zu verrückt: Neben einem flauen Gefühl im Magen und Verstopfung habe ich oder viel mehr Michelle - vor allem mit Blähungen zu kämpfen.

Haus-Maus: immer frecher
Unsere Haus-Maus wird immer frecher. Vor ein Paar Tagen hat die Falle zugeschnappt. Wahrscheinlich findet sie bei uns genug Futter, so dass ihr Nacken entsprechend fett und damit gut gepolstert ist. Und vorgestern, als ich sie am Holzstapel herumkrabbeln hörte, habe ich mich angeschlichen, um sie zu vertreiben. Da hockt sie plötzlich auf meinem rechten Fuß! Na ja, riecht wohl auch verlockend dort, wurde zeit, dass ich wieder in die Badewanne komme. (Nachtrag: Die Falle hat gestern wieder zugeschnappt, und diesmal gab es kein Entrinnen).

Iglu: warten auf Schnee
Sobald noch etwas Schnee fällt, werden wir endlich ein Iglu bauen. Denn um überhaupt
Blöcke aus dem lockeren Pulverschnee sägen zu können, müssen wir ihn feststampfen - angesichts der niedrigen Schneehöhe würde nicht viel Baumaterial übrig bleiben. Und ein Iglu mit Grasboden ist einfach stillos ...

Jagd: keine Grouse zu sehen
Seit unserem Vorhaben, »Grouse« zu jagen, sind uns keine vor die Flinte gelaufen. Wirhaben sie allerdings auch nicht gesucht, und Michelle ist in Anbetracht unserer übermäßigen Lebensmittel-Vorrräte eh nicht mehr von der Idee des Jagens begeistert.

Kehrwoche: mit Besen auf die Landebahn
Neuschnee kleine Unebenheiten des Airstrip ausgleichen. Den großen Löchern rücken wir mit Schaufeln und Plastikplanen voll Schnee zu Leibe.

Lesen: Stoff geht aus
Unsere abendliche Lieblingsbeschäftigung ist immer noch Lesen. Da allerdings kaum noch neuer Lese-Stoff vorhanden ist, widmet sich Michelle der »Inneren Medizin«, ich quäle mich
durch Stephen Hawkings »Die kurze Geschichte der Zeit«.

Mond: wieder voll da
In ein paar Tagen ist es wieder soweit: Vollmond. Für uns die schönste Stimmung hier im
Yukon; wenn er seine langen Schatten wirft, den Schnee zum Glitzern bringt, die Nacht zum Tag macht und wir eingepackt in Daunenjacken den Zauber beobachten. Nur wann der Mond
wo auftaucht, das haben wir noch nicht so ganz begriffen. Vielleicht sollten wir zu Hause mal wieder ein Planetarium besuchen..

Nordlicht: kaum zu sehen
Nordlichter gehören zu jedem ordentlichen Yukon-Trip. Aber so wenig sich den Sommer über ein Grizzly bei uns blicken ließ, so wenig Nordlichter haben wir bisher beobachen können. Das mag aber auch am meist bedeckten Himmel liegen. Immerhin: Die letzten Nächte waren sternenklar, und am Samstag zeigten sich auch einige Nordlichter - ganz zaghaft .Jeden Tag freuen wir uns über unseren kleinen Ofen: Er zieht gut, man kann bequem darauf kochen,
und wenn draußen die Temperatur unter minus 30 Grad fällt, kuscheln wir uns um ihn herum
und genießen seine knisternde Wärme. Es ist (zum Glück) kein typischer Yukon-Ofen, wie er traditionell in solchen Busch-Camps verwendet wird: dünne Blechöfen, die leicht sind und billig (ab 60 Dollar), eine Hütte schnell einheizen und je nach Größe auch eine Menge Holz schlucken. Doch sie haben auch Nachteile: Das Kochen ist aufwendig und umständlich, da
das Holz von oben nachgefüllt wird (genau von dort, wo der Topf steht), und durch das dünne Blech kühlen sie ruck, zuck aus. In Whitehorse hat man uns erzählt, dass diese Öfen auch "Hippie-Killer" genannt werden. Soweit wir die Geschichte richtig verstanden haben gab es eine Zeit, als Hippies in die Wälder des Yukon zogen. Sie hausten in Zelten und installierten darin ihre Yukon-öfen, und da diese sehr schnell sehr heiß werden, wurden sie eben manchmal zu heiß und brannten die Zelte nieder. Dadurch sind die Hippies erfroren. Nicht so unser Ofen: Er ist aus dickerem Material, Holz wird von vorne nachgelegt, und er wärmt auch gut nach. Abends umstellen wir ihn zusätzlich mit Steinen, die dadurch aufgeheizt werden und über Nacht die gespeicherte Wärme langsam wieder abgeben.

Querfeldein: über die Büsche
Durch den Schneefall in den ersten Januar-Tagen hat es die Büsche, die weite Teile der Landschaft bedecken, mächtig nach unten gedrückt. Bei vorher sehr hohen Büschen (über
Körpergröße) bilden sie jetzt große, tunnelartige Hindernisse, dafür liegen die vormals kleinen Büsche fast auf dem Boden, so dass man freie Sicht hat und recht gut querfeldein laufen kann sofern man nicht ständig mit den Schneeschnuhen hängenbleibt.

Rainer Höh: wieder im Yukon
Letzte Woche bekamen wir Nachricht von Rainer Höh: Er kommt diesen Winter wieder in den
Yukon für eine große Hundeschlitten-Expedition. Wenn alles klappt, werden wir uns in Dawson auf ein (oder zwei) Bier treffen. Rainer Höh ist freier Autor (den aufmerksamen Lesern des outdoor-Magazins sicher bekannt) und hat vor über 20 Jahren in der Nähe
von Dawson eine Blockhütte gebaut - das daraus entstandene »Blockhüttentagebuch« steht
natürlich auch in unserer Cabin im Bücherregal.

Schnee: Mangelware im Yukon
Der Winter im Yukon scheint dieses Jahr schneearm zu sein, zumindest weiter im Süden und
Westen. Einige Musher mussten schon weite Wege auf sich nehmen, um eine fahrbare Unterlage zu finden. Doch wir können uns nicht beschweren: Seit 2.Oktober haben wir eine geschlossene Schneedecke. Sie ist zwar nur einen Meter tief, aber was für den Bau eines Iglus hinderlich ist, erleichtert uns das Schneeschuh-Wandern enorm.

Tour: bald geht es wieder los
In den nächsten zwei Wochen wollen wir zur nächsten kleinen Tour starten. Geplant sind maximal 4 Tage, bevor wir dann Mitte Februar, je nach Wetter, noch einmal für zirka 7 bis 10 unterwegs sein werden.

Überfluss: zu viel Lebensmittel
Unsere Lebensmittelvorräte schwinden nur langsam. Vor allem Mehl, Schrot, Käsepulver,
Olivenöl, Peanutbutter und Milchpulver haben wir im Überfluss. Das hat verschiedenen Gründe: Wir fliegen etwas früher raus als ursprünglich geplant, eine Sicherheitsreserve war von vornherein mit einkalkuliert, und die frischen Lebensmittel, die unsere Besuche im Sommer mitgebracht hatten und eigentlich nur als "Bonbon" gedacht waren, hielten sich viel
länger als gedacht. Vor allem von Kartoffeln, Zwiebeln, Knoblauch, Margarine und Speck haben wir erstaunlich lange gezehrt. Und dann kamen ja zwischendurch noch ein paar Kilo Elchfleisch eingeflogen ...

Vermissen: Musik und Menschen
Nach den ersten Wochen hier im Busch träumten wir von frischem Salat, Hamburgern und einer Flasche Rotwein. Doch mittlerweile vermissen wir solche Leckereien gar nicht mehr so sehr, dafür freuen wir uns auf andere Dinge: Musik aus dem Autoradio, während wir den Alaska-Highway entlang fahren, durch eine Mall schlendern und davon fasziniert
sein, was es alles zu kaufen gibt, Bücher lesen, um den neu entfachten Wissensdurst zu stillen, oder einfach nur in einem Café sitzen, Kaffee trinken und dem Gemurmel der Menschen zuhören.

Wasser: immer noch abkochen
Seit Michelles Biber-Fieber kochen wir das Wasser konsequent ab. Wir vermuten zwar, dass sie den Erreger doch nicht von unserem Fluss bekommen hat (sondern von einem kleinen Bach, aus dem nur sie bei einer Wanderung im Sommer getrunken hat), aber wir gehen lieber auf Nummer sicher. Das Eis auf dem Fluss ist an der Stelle, an der wir es aufhacken,
zirka einen Meter dick. Mit Spitzhacke (und aufgesetzter Skibrille!) kommen wir aber ganz gut ran.

XL-Klamotten: bald nötig?
Wir haben wohl beide etwas zugenommen hier im Busch - trotz Holz hacken, Schneeschuh-Wandern und "nordic power walking" beim Plätten der Landebahn. Aber einer Diät ist wohl doch nicht notwendig, denn vor ein Paar Tagen haben wir unsere bequemen und
zum Teil ausgebeulten Fleecehosen auszogen, um die Sommerhosen anzuprobieren: Sie passen noch.

Yukon River: Endziel Dawson
Der Weg, der uns im Sommer aus der Zivilisation zu unserer cabin führte, war extrem spannend: Vom Macmillan Pass an der Grenze zu den Northwest Territories in vier Tagen mit Pferden zu einem Jagdcamp, von dort weitere drei Tage zu Fuß bis zur Hütte. Und wie
schön wäre es, mit dem Kanu wieder in die Zivilisation zurückzukehren: Von unserem Fluss in den Hess River, der mündet in den Stewart und der schließlich in den Yukon River. Dann könnten wir in Mayo oder sogar erst in Dawson City aussteigen. Aber erstens haben wir hier kein Kanu, und zweitens müssten wir bis zum Hochsommer warten, um die Flüsse paddeln zu können, denn der Winter hier in den Bergen dauert lang - wir aber müssen Ende Mai
bereits wieder in Deutschland sein. Und bis dahin? Siehe "Zukunft".

Zukunft: der Plan steht
Unser Plan für die nahe Zukunft ist folgender: Wir bleiben bis zirka Mitte März im forkscamp. Dann fliegen wir raus nach Whitehorse, besuchen befreundete Musher von Blue Kennels und Glanzmann Tours, kaufen uns ein altes Auto, fahren noch zirka zwei Wochen durch das Yukon Territory, treffen eventuell Rainer Höh (siehe oben) sowie die Teilnehmer der »Bikesonice-Expedition«, die mit dem Fahrrad auf dem Yukon River bis nach Nome in Alaska fahren wollen, tuckern dann gemütlich runter nach British Columbia, treffen dort vielleicht Dirk (der uns im Sommer hier besucht hat und wie jeden Winter -Skiurlaub in Kanada macht),kommen Mitte bis Ende April in Seattle an, lassen unser Gepäck bei Michelles Dad und fahren schließlich nach Kalifornien und legen uns dort an den Strand. Am 20. Mai fliegen wir dann zurück nach Deutschland, wo wir noch den ganzen Juni frei haben. Noch irgendwelche
Fragen?
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Samstag, 17. Februar 2007

Teil XXII

Stress im Busch
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»Was macht ihr eigentlich mit der ganzen Zeit?« So oft uns diese Frage vor der Abreise gestellt wurde, so selten wussten wir eine kluge Antwort darauf. Und jetzt? Jetzt fehlt sie uns sogar manchmal, die Zeit. Die Tage im Yukon werden wieder länger.Sonnenstand und der
monatliche Zyklus des Mondes zeigen uns auch, wie rasend schnell die Zeit vergeht. »Schau, wie hoch die Sonne wieder steht«. »Was, schon wieder Vollmond?«. Oder täuscht das nur? Vergeht die Zeit vielleicht gar nicht so schnell? Wenn wir zurück blicken auf die ersten Wochen im Busch, an den Ritt, die Wanderung, die Moskitos oder den Dauerregen, dann
kommt es uns vor, als wäre es eine Ewigkeit her. Und es bleiben uns nur noch ein paar Wochen! Dabei stehen immer noch ungelesene Bücher im Regal, Michelles Malzeug ist ebenfalls unbenutzt, und seit vier Monaten liegen draußen zwei dicke Fichtenstämme, aus
denen ich mal - wenn Zeit wäre -Regalbretter zimmern wollte. Die Tage werden nun länger, und wir merken, wie die Energie zurück kommt, dass nicht nur der Geist, sondern auch die Glieder eingeschlafen sind, und dass wir voller Zuversicht die Zukunft angehen: Die nächsten Wochen mit spannenden Wanderungen, die Zeit nach dem Busch im Auto gen Süden fahrend, aber auch die Zeit in Deutschland, mit neuen Aufgaben und Herausforderungen,
Familie und Freunden, neuen Büchern und vielem mehr. Jetzt müssen wir aber los, wir sind
spät dran. Es ist Punkt 12 Uhr. In zehn Minuten wirft die Sonne ihre ersten Strahlen auf die Hochebene. Dann müssen wir das Solarpanel anschließen und die Landebahn platt treten. Und gelesen haben wir heute auch noch nicht. Zum Lesen kaum noch Zeit.»Man
kommt hier einfach zu nichts«, maulte Michelle kürzlich. »Ich hatte heute noch nicht mal Zeit,
ein paar Seiten in meinem Buch zu lesen.« Stress im Busch. Und das ohne konkrete Aufgabe geschweige denn Acht-Stunden-Arbeitstag. Klar: Das ist kein Stress wie zu Hause, wo ein schriller Wecker den Tag einläutet, stundenlange Besprechungen während der Arbeit das Hirn austrocknen, und der eigentliche Feierabend erst nach dem Einkaufen, Telefonieren,
Wäsche waschen, Sport treiben usw. beginnt. Da geht es hier entschieden gemütlicher zu: Wir brauchen keinen Wecker, es gibt nicht viel zu besprechen, wir haben bereits vor sieben Monaten eingekauft, das letzte Mal vor drei Monaten telefoniert, die Klamotten sind eh immer dreckig, und um Sport zu treiben müssen wir nur vor die Hüttentür und in den tiefen Schnee treten. Trotzdem gibt es auch hier bei uns im Busch Tage, die einen Anflug von Hektik oder gar Stress vermitteln. Woran liegt das? Vielleicht (wahrscheinlich sogar) sind wir etwas faul geworden, vor allem aber verwöhnt; verwöhnt durch eine verschwenderische Menge an Zeit. In den dunklen Wochen haben wir zwei Gänge runtergeschaltet und uns angewöhnt, täglich mehrere Stunden zu lesen. Ohne Ablenkung wie zu Hause, wenn die Glotze läuft oder das Telefon klingelt, ohne überraschende Besuche, einfach nur da sitzen und stundenlang gemütlich lesen, höchstens unterbrochen, um Holz nachzulegen oder frischen Tee
aufzusetzen. Doch schlagartig, als vor gut zehn Tagen die Sonne wieder aufgetaucht ist, hat sich das Leben wieder nach draußen verlagert. Seither machen wir täglich
eine Schneeschuh-Wanderung oder gehen auf die Hochebene, um das Solarmodul anzuschließen und die Landebahn einzuebnen. Und schon haben wir keine Zeit mehr, mittags zwei Stunden in Ruhe zu lesen! Schöne Schneeschuhtouren locken Unser Tatendrang und Zeitgefühl wird seit Monaten von Sonne und Mond bestimmt. Haben wir im
Sommer teilweise bis Mitternacht die Ritzen der Hütte mit Moos ausgestopft, selbst im Herbst bis 19 Uhr Holz aus dem Wald herbei geschleppt, so haben die Dunkelheit und die Kälte das Leben schrittweise nach drinnen verlagert. Im Oktober haben wir noch Bäume gefällt, im November viele Touren unternommen, doch dann wurde es ruhig. Im Dezember war
spätestens um 15 Uhr Feierabend. Und was dann? Ein bisschen lesen, kochen, waschen, wieder lesen, spielen, etc. Wir hakten die Tage im Kalender ab, ließen uns vom schlauen GPS-Empfänger darüber informieren, wie schnell das Tageslicht in den folgenden
Wochen wieder zunehmen würde und schauten immer wieder gebannt auf den Mond. Zu Hause fiel mir der Mond nur selten auf, geblendet durch all die elektrischen Lichter der Städte
und Autos. Hätte mich jemand gefragt, ob gerade Neu- oder Vollmond ist, ich hätte es nur selten gewusst. Doch hier kann er sich frei entfalten. Von Sternen und vereinzelt auftretenden Nordlichtern abgesehen, sorgt er allein dafür, was nachts zu sehen ist uns was nicht. Jeden Monat warten wir gespannt, wo und wann er auftaucht. Die schönste Stimmung ist jene, wenn der Tag gerade zu Ende geht, im Westen noch die Reste des Sonnenlichtes.
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Freitag, 16. Februar 2007

Teil XXI

Cabin fever
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Michelle sitzt mit einer Tasse Tee in der Hand und der Stirnlampe auf dem Kopf am wärmenden Ofen, tief versunken in die Süddeutsche Zeitung: »Brüssel sagt Milliarden-Hife für Flutopfer zu«. Zugegeben: Die Zeitung ist nicht ganz aktuell. Genauer: vom 19. August letzten Jahres. Dirk hatte sie damals mitgebracht. Doch für uns ist sie heute, über vier Monate nach ihrem Erscheinen, fast wie neu - sei es, weil wir schon wieder einen Teil vergessen
haben oder weil wir ab und zu Artikel finden, die wir noch gar nicht gelesen haben. So erfährt
Michelle zum Beispiel, was damals im Fernsehen lief, während ich mich im Finanzteil über die Aktienkurse amüsiere (da ich vor unsere Abreise alles verkauft habe). Woran liegt das?
Gehen uns die Bücher aus? Ist uns etwa langweilig? Oder sind das gar die ersten Anzeichen von Cabin fever, wenn man Ende Dezember die Bild-Zeitung vom 10.September (Naddel bettelte um Sex) liest? Was ist eigentlich dieses Cabin fever, das zum Yukon gehört wie
Jack London zum Goldrausch? So genau wissen wir das auch nicht. Irgendwie muss es eine Art Hüttenkoller sein, hervorgerufen durch die zermürbende Dunkelheit, die erstarrende Kälte,
die einsame Wildnis und die end-lose Stille, all das in der bedrückenden Enge einer kleinen
Blockhütte. Man soll davon melancholisch werden, Depressionen bekommen - oder gar komplett durchdrehen. Und tatsächlich beschleicht uns seit einigen Wochen eine melancholische Stimmung: Wir denken viel nach, lassen uns von Erinnerungen treiben, von Sehnsüchten und Wünschen - aber von Depressionen merken wir nichts, und durchgedreht wie Jack Nicholson in »Shining« ist hier auch noch keiner. Allerdings haben wir angefangen, ziemlich viel dummes Zeug zu reden. Zumeist äußert sich dies in prollig-primitiven
Kommentaren und unmotiviertem Gegacker über die eigenen Scherze. Ich muss gestehen, dass ich damit angefangen habe, doch Michelle hat mittlerweile mächtig aufgeholt. Manchmal erschrecken wir dabei über unser eigenes, erbärmliches Niveau - doch das sind dann genau die Momente, in denen wir wieder gegensteuern, zum Beispiel mit alter Zeitungslektüre (nicht mit »Bild«!) oder schwierigen Büchern. So quäle ich mich gerade - bereits zum zweiten Mal - durch einen englischen Geschichts-Schmöker, Michelle liest Sartre und beschäftigt sich außerdem mit dem Studium von Heilpflanzen. Den ganzen Dezember bereits lassen wir es auf diese Weise ruhig angehen. Wir haben uns einfach dem Rhythmus der Natur angepasst. Die Tage beginnen spät, teilweise erst gegen Mittag, und dann wird es ja bald schon wieder dunkel! Aber bei minus 30 Grad draußen ist es oben in unserem Himmelbett einfach zu gemütlich, als dass es einen Grund gäbe, im Dunkeln und Kalten aufzustehen. Müssten wir nicht ab und zu die Landebahn präparieren (eine richtig miese Arbeit. Wir nennen es »Airstripping«), wären wir in den
letzten Wochen noch weniger rausgekommen. Unsere Eintragungen im Tagebuch - oder vielmehr Kalender - lesen sich dann wie folgt:

20. Dezember: -20°C, Eisnebel, Airstripping (Landebahn verlängert), Michelle gebadet, Fotosession
21. Dezember: -20°C, Geburtstag Michelle, gefaulenzt
22. Dezember: -30°C, sonnig, Spaziergang auf Rogue-Marmot
23. Dezember: -10°C, Story geschrieben, gefaulenzt, Maus hat sich aus Falle befreit
24. Dezember: -10°C, X-Mas, Story gemailt, gebacken, gesungen, gesoffen (Rotwein), geheult
25. Dezember: -22°C, schlecht geschlafen, bis 12 Uhr im Bett, Jürgen Holz gesägt plus gebadet, Michelle: Sartre angefangen,
26.Dezember: -17°C, Müll verbrannt, Michelle gebadet, gelesen, neuen Hack-Klotz gemacht
27. Dezember: -22°C, Airstripping: Löcher und Unebenheiten mit Schnee aufgefüllt, frische Elchspuren auf der Landebahn
28. Dezember: -35°C, in der Cabin -10°C, Airstripping (platt getreten), Michelle Herr der Ringe
angefangen Wie sehr sich unser Leben nach drinnen verlagert hat, zeigt auch, dass wir den Pinkeleimer bereits am Nachmittag und nicht erst abends in die Hütte stellen. Jawohl: Wir haben einen Pinkeleimer! Er kostete 6,99 Dollar, fasst 20 Liter, ist tatsächlich gelb und hat einen (für mich) praktischen Henkel. Dummerweise ist sein Inhalt morgens zugefroren - kein
Wunder bei minus 10 bis minus 15 Grad am Hüttenboden - so dass wir ihn vor dem Entleeren erst einmal am Ofen erwärmen müssen. Das Jahr verabschiedet sich heute mit einem minus 25 Grad kalten und immer noch sehr kurzen Tag, der kaum mehr Licht brachte als der 21. Dezember. Doch jede Minute, die es draußen länger hell ist, bringt uns der Sonne wieder ein Stück näher. Als wir gestern mal wieder auf der Landebahn schufteten und die Berge von der Sonne beschienen wurden, da wurde uns klar, wie sehr wir diese schon vermissen und uns darauf freuen, wenn ihre wärmenden Strahlen die kalten Wangen zum
Glühen bringen. Wenn es in ein paar Wochen so weit ist, werden wir auch wieder mehr Zeit
draußen verbringen - sonst bekommen wir womöglich doch noch Cabin fever ...
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Donnerstag, 15. Februar 2007

Teil XX

Weihnachten in forkscamp



Heute ist Samstag, 21. Dezember, der kürzeste Tag des Jahres (die Sonne ging um 10.33 auf und um 14.54 wieder unter) und zugleich der Beginn der Feiertage: Michelle wird heute 30 Jahre alt, in drei Tagen ist bereits Weihnachten, Silvester steht vor der Türe, und im Januar habe auch ich Geburtstag. Draußen zeigt das Thermometer minus 28 Grad, der Vollmond lugt zwischen den Bäumen hindurch, und wir sitzen drinnen in der (einigermaßen) warmen Hütte und begießen Michelles Geburtstag mit Tee und einem Schuss Rum - genau die richtige, etwas melancholische Stimmung, um in Erinnerungen zu schwelgen und sich von Gedanken treiben zu lassen. Gedanken an Familie und Freunde, an den Job (den alten und den neuen), an früher und an das, was die Zukunft bringen wird. Wir schmieden Reisepläne für die Zeit nach dem Busch (wir schwanken noch zwischen Alaska und Kalifornien), und Michelle übt schon mal Weihnachtslieder - die sie dann (solo!) im Kerzenschein des
Adventskranzes vorträllern wird. Wir malen uns aus, wie schön es wäre, die Feiertage zu Hause zu verbringen; mit Eltern und Geschwistern, den Nichten und der Oma; sich dabei von leckerem Essen verwöhnen lassen, und die ganzen Tage könnte man hemmungslos glotzen und faulenzen. Silvester würden wir mit Freunden verbringen, an Neujahr gegen Mittag aufstehen und auf dem Sofa räkelnd das Neujahrs-Skispringen anschauen (ich zumindest).
Und dieses Jahr? Familie und Fernsehen fallen aus, das Essen wird den Umständen entsprechend feierlich sein: Heilig Abend gibt es als Candle light dinner eine Speck-
Gemüse-Pizza, dazu die Flasche Rotwein (die seit drei Monaten im Regal steht), und als Nachtisch eine Mousse au chocolat (von Dr.Oetker!). Und statt dem üblichen Feiertags-Fernsehmarathon werden wir viel lesen (zur Auswahl stehen noch: »Kurze Geschichte der Zeit« von Stephen Hawking, »Das Foucaultsche Pendel« von Umberto Eco und die Bibel), wandern gehen, Elche beobachten oder Holz hacken was man in der Wildnis eben so macht ...
Die Party an Silvester wird wohl ausfallen: Sekt haben wir keinen, aber statt China-Böllern könnten wir mit der Pumpgun durch die Gegend ballern - was allerdings auch keinen Sinn macht. Doch eines werden wir garantiert haben: weiße Weihnachten. Wir müssen nur aus dem Fenster schauen, auf all die mit Schnee überzuckerten und vom Mond angeleuchteten Fichten - das ist stimmungsvoller als jeder noch so schön geschmückte Weihnachtsbaum. Und falls es an der Silvesternacht aufklaren sollte, ist die Chance groß, dass Nordlichter den Himmel verzaubern wie es kein künstliches Feuerwerk zu Hause jemals könnte.
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